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Böser Wald – Warum wir uns im Dickicht fürchten

19. Februar 2016 / Film /
Der Wald als gefährlicher oder unheimlicher Ort hat schon viele Filmemacher fasziniert. Sascha Brittner von pewpewpew.de hat sich zum Kinostart von THE FOREST näher an die bösen Wälder der Filmgeschichte herangetraut:

Wald

Absolute Dunkelheit: Heather und ihre zwei männlichen Begleiter sind aufgewühlt, denn bereits in der zweiten Nacht in Folge hören sie in einem Wald im US-Staat Maryland sonderbare Geräusche. Sie schalten ihre Kamera ein und filmen in die Dunkelheit hinein. Totenstille – doch plötzlich ist ein Geräusch zu hören. Ein scheinbar natürliches, dumpfes Geräusch, als ob ein morscher Ast auf Gestrüpp am Boden fällt. Dann folgen hellere Geräusche. Ein Stein, der auf eine Wand trifft. Vielleicht ist es ein Tier, das einen Steinrutsch auslöste? Doch plötzlich ist das Geräusch wieder zu hören. Und wieder. Es wird stärker. Rhythmischer. Bald wird klar, dass „etwas“ dort draußen mit der Angst der Gruppe spielt. Und dann sind Fußschritte zu hören…

BlairWitch
© Studiocanal

„Blair Witch Project“ (1999) schafft mit einfachsten filmischen Mitteln diese Angst wie kaum ein zweiter Film im Subgenre des „Wood-Horrors“ effizient und packend einzusetzen. Es wird eine unheilvolle und verdächtige Atmosphäre des Waldes kreiert – ohne auch nur ein Monster oder die titelgebende Hexe zu zeigen. Das Kunst des Films liegt darin, das sich der Horror in den Köpfen der Zuschauer abspielt.

„Das älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten.“ H.P. Lovecraft, der Meister des übernatürlichen Horrors

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Wälder haben schon seit Anbeginn der Menschheit einen Ruf als Ort des Übernatürlichen. Das lässt sich vor allem evolutionsbiologisch erklären. Vor Millionen von Jahren erhob sich Homo Erectus, um über die Sichtgrenze der Steppe herannahende Feinde zu erkennen und auch Wild jagen zu können. Somit konnte der Mensch sich eine Übersicht verschaffen, seine Welt nach seinem Blick und Willen prägen. In den dichten und unübersichtlichen Wäldern mit einer vielschichtigen Flora und Fauna, die mysteriöse, unheilvolle und schwer zu identifizierende Geräusche hervorbringen, verliert man schnell den Überblick und die Kontrolle.

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Diese Angst vor den Wäldern ist bis heute tief im Menschen verwurzelt: sich in der Dunkelheit zu verirren, wo niemand die eigenen Hilfeschreie hören kann oder in Notsituationen auf sich selbst gestellt zu sein, ist für viele DIE Horrorvorstellung. Inmitten von Bäumen und Sträuchern fühlt man sich als Mensch der übermächtigen  Natur hilflos ausgesetzt.

© Warner (Frankenstein muss sterben)

Man muss nicht unter Hylophobia, der irrationalen Angst vor Bäumen und Wäldern leiden, um bei diesen Szenarien eine Gänsehaut zu bekommen. Für nahezu alle Menschen ist die Angst der Protagonisten in diesen Situationen sehr rational und nachvollziehbar. Wälder sind groß, dunkel, geheimnisvoll, verwachsen und beherbergen mittelgroße Tiere, die mitunter dem Menschen gefährlich werden können. Wälder bieten nur wenige Rückzugsmöglichkeiten.

Diese Angst vor dem Unbekannten machen sich Filmemacher seit Jahrzehnten zu Nutze. Die Filmwälder sind meist dunkel und schwierig zu durchqueren. Ihre Opfer fahren in den Wald zur Erholung, wollen in einer Hütte entspannen oder mit Freunden ein Abenteuer erleben und begegnen stattdessen einem blanken, vorzeitlichen Horror. Natürlich wird das noch oft gesteigert: Die Figuren verlaufen sich nicht nur im Wald, sondern werden gleichzeitig von einem mörderischen Verrückten gejagt. Dann doch lieber Strandurlaub.

Schon in Grimms Märchenerzählungen finden sich pädagogisch wirksame Warnungen vor Wäldern wieder. Sei es die Gefahr durch den trickreichen Wolf im Rotkäppchen oder die prototypische Hütte im Wald, bzw. ein Lebkuchenhaus wie bei Hänsel und Gretel, in der die böse Hexe haust.

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Das Setting ist sogar so genreprägend und omnipräsent, dass es titelgebend für Drew Goddard und Joss Whedons modernen Klassiker THE CABIN IN THE WOODS fungierte. In ihrer meisterhaften Dekonstruktion des Subgenres wird der Wald mit seiner Hütte im Zentrum zur buchstäblichen Bühne, die durch eine  detailreiche Logistik hinter den Kulissen unterstützt wird – und all das nur, um den Atem der Zuschauer zum Stocken zu bringen.

© Universum

Inzwischen müssen Filmemacher schon mehr bieten, als nur mit der Urangst zu spielen. Sonst läuft der Film Gefahr, nur das zum Klischee gewordene Setting für exploitative Teeniestreifen zu bedienen. Doch es gibt spannende Ansätze, die die stereotypische Darstellung durchbrechen. In dem vielleicht berühmtesten Beispiel des Genres, EVIL DEAD, wird der Wald wie auch bei THE FOREST selbst zum Antagonisten. Das buchstäbliche Böse sucht Wurzeln, Äste und Sträucher heim, die in einer berühmt-berüchtigten Szene eine der Hauptfiguren vergewaltigen.

© Sony Pictures (Evil Dead)
© Sony Pictures
© Sony Pictures

Auch in M. Night Shyamalans THE VILLAGE  gibt es eine Warnung vor dem Wald.  Shyamalan stellt sich jedoch dem Unbekannten und fragt, ob das bekannte Übel, das den Menschen innewohnt, nicht viel größer ist als die Bedrohung von außen? Sein Wald dient auch als Schutz oder als Barriere vor der Außenwelt, die womöglich noch schlimmer als die unbestimmte Angst vor dem Ungewissen sein kann.

© Walt Disney Germany
© Walt Disney Germany

In TUCKER DALE VS. EVIL wird die Angst vor dem Unbekannten auf den Kopf gestellt. Die liebevollen Rednecks stoßen nahe ihrer Hütte im Wald auf eine Gruppe junger Menschen, die sie für verrückte Mörder halten. Die stereotypischen Opfer werden daher aktiv und wollen sich ihrem mutmaßlichen Schicksal nicht beugen. Das hilfsbereite Redneck-Duo sieht sich fortan auf Grund eines bloßen Missverständnisses mit dem eigenen Tod konfrontiert. Ein totlustiger Überlebenskampf beginnt.

Tucker and Dale vs. Evil
© Wild Bunch

Doch bei aller Liebe für dekonstruktive, humorvolle und abwechslungsreiche Ansätze, die die Erwartungshaltung des Zuschauers überraschen, geht doch nichts über einen gepflegten Horrorstreifen im Wald wie THE FOREST. Auf sich alleine gestellt, wird Sara (Natalie Dormer) mit ihrer Fantasie sich selbst zum schlimmsten Feind… Es lebe der Waldhorror!

 

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